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Das Sexocorporel-Konzept: Komponenten

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4.1 Physiologische Komponenten


4.1.1 Die Erregungsfunktion

Die Erregungsfunktion lässt sich in zwei Bestandteile teilen:

Der Wunsch vieler Frauen und Männer, Sexualität zu geniessen und in einer Liebesbeziehung zu leben, also ihr Wunsch, Genitalität mit dem Erleben von Intimität zu verbinden, basiert letztlich auf dem Erregungsreflex. Wenn die Erregungssteigerung gelingt, endet die Reise mit dem Erreichen des point of no return über ein zweites reflektorisches, d.h. unwillkürliches Geschehen, das in den Orgasmus mündet.

Den zwischen den beiden Reflexen gelegenen «Raum» können wir über Lernprozesse «bewohnbar» machen. Lernen bedeutet das Aktivieren übergeordneter Hirnzentren und ermöglicht das bewusste Erleben. Lernschritte im Zusammenhang mit dem Erregungsreflex beeinflussen direkt die Qualität des erotischen Handelns und Erlebens und werden daher direkte Kausalitäten genannt.

Der Erregungsreflex kann beim männlichen Fötus bereits in der Gebärmutter über Ultraschalluntersuchungen beobachtet werden. Alle psychischen, die Sexualität betreffenden, d.h. sexodynamischen Komponenten wie auch die sexualitätsbezogenen Kognitionen und die entsprechenden Beziehungskomponenten entwickeln sich in enger Wechselwirkung mit der Erregungsfunktion.

Der Erregungsreflex und die Lernprozesse stehen insofern miteinander in Beziehung, als sich die Intensität der sexuellen Erregung, genau genommen die Vasokongestion, willentlich nur über das Spiel mit den sie begleitenden Veränderungen der muskulären Spannung und rhythmischen Bewegungen beeinflussen lässt. Alle Lernprozesse in den verschiedensten menschlichen Ausdrucksweisen (Gehen, Sprechen, Musizieren, Tanzen, u.v.m.) beruhen letztlich auf der Handhabung der drei körperlichen Gesetzmässigkeiten – sowie natürlich der Atmung.

Sexuelle Erregung kann über ein bewusstes Steuern bzw. Spielen mit den sie begleitenden körperlichen Reaktionen in quantitativer (Intensität) und qualitativer (Genuss) Hinsicht beeinflusst werden. Unsere KlientInnen haben häufig das Anliegen, mehr sexuelle Lust zu empfinden und den Orgasmus zu erreichen. Die Voraussetzung hierzu sind Lernschritte auf körperlicher Ebene: Nur über die Diffusion, das heisst, die Fähigkeit, die sexuelle Erregung sich im Körper ausbreiten oder diffundieren zu lassen, können die sexuellen Lustgefühle und das Erleben der sexueller Erregung intensiviert werden.

Die Kanalisation wiederum, das heisst, die Fähigkeit, die sexuelle Erregung in den Genitalien zu kanalisieren, ermöglicht ein Erreichen des point of no return und der orgastischen Entladung (Ejakulation, spasmodische Reaktion) oder des Orgasmus, der eine gleichzeitige emotionale Entladung umfasst. Diese bewusst steuerbare, indirekte Beeinflussung des Erregungsreflexes über körperliche Lernprozesse ist jeder Frau und jedem Mann zugänglich.

Begriffserklärungen:
Orgastische Entladung, Orgasmus, (An)orgastie, (An)orgasmie

 


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4.1.2 Sexuelle Erregungsmodi (EM)

Damit Männer und Frauen die Qualität ihres Sexuallebens mit geeigneten Lernschritten verbessern können, muss zunächst evaluiert werden, in welchem Erregungsmodus sie primär funktionieren und welche Grenzen sich ihnen dort eventuell setzen.

Laborbeobachtungen und Beschreibungen zahlreicher KlientInnen ermöglichten eine Typologie von fünf Erregungsmodi, d.h. fünf Arten der Erregungssteigerung, auf der Basis der drei körperlichen Gesetzmässigkeiten.


Archaischer Erregungsmodus (AEM)

Archaisch wird dieser Erregungsmodus genannt, da er als erster EM schon bei Säuglingen (ab dem 4. bis 5. Lebensmonat) zu beobachten ist. Er setzt ein Minimum an motorischer Koordination voraus. Der AEM funktioniert über Stimulation propriozeptiver Rezeptoren (Tiefensensibilität) in der Genitalgegend. Er wird häufiger von Frauen, etwas seltener von Männern benutzt. Frauen steigern ihre Erregung durch Schenkelpressen – mit oder ohne Objekt (Kissen etc.) –, durch kräftiges Anspannen der Beckenbodenmuskulatur oder durch Pressen der Genitalregion gegen eine Unterlage. Männer klemmen den Penis zwischen die Oberschenkel, pressen ihn mit der Hand oder dem Gewicht ihres Körpers gegen eine Unterlage, drücken mit drei Fingern die Eichel u.s.w.. Voraussetzung sind immer intensives Pressen und Drücken, oft begleitet von kräftigen raschen Bewegungen; die Muskulatur des ganzen Körpers ist gespannt (muskuläre Rigidität), die Atmung stark eingeengt.

Der AEM ermöglicht eine rasche orgastische Entladung. Damit die Erregung bis zum point of no return gesteigert werden kann, konzentriert sich alle Aufmerksamkeit auf die in einem engen Bereich aktivierten Rezeptoren, was die Wahrnehmung lustvoller Gefühle begrenzt. Auch eignet sich der AEM wenig für das lustvolle Erleben des Geschlechtsverkehrs. Wenn ein Mann sich einzig im AEM erregt, beobachten wir immer wieder Ejakulationsproblemen (bis hin zur Anejakulation) und Erektionsprobleme während des Geschlechtsverkehrs. Frauen berichten öfters über Schwierigkeiten beim Geschlechtsverkehr, etwa Orgasmusprobleme oder Schmerzen durch Verspannung des Beckenbodens. Bei Männern wie Frauen setzt der AEM dem Erleben von sexueller Lust Grenzen; er verhindert die Entwicklung eines koital sexuellen Begehens (siehe unten). Oft versteckt sich hinter der Diagnose «sexuelle Aversion» ein AEM. Zudem kann es zu Verunsicherungen im Gefühl der eigenen Geschlechtszugehörigkeit kommen.

 


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Mechanischer Erregungsmodus (MEM)

Der Name widerspiegelt die typische Erregungssteigerung mit mechanisch rhythmischen Bewegungen. Er wird häufiger von Männern als von Frauen eingesetzt. Der MEM ermöglicht eine rasche orgastische Entladung. Stimuliert werden oberflächliche Berührungsrezeptoren. Rasche Rhythmen dominieren, die Muskeln sind oft angespannt – im ganzen Körper oder im Oberschenkel-, Gesäss-, Bauch- oder Beckenbodenbereich. Beweglichkeit und Atmung werden mit steigender Erregung eingeengt. Männer, die den MEM anwenden, umfassen den Penis mit einer Hand (Masturbation) und stimulieren sich durch rasches gleichförmiges Reiben. Frauen steigern ihre sexuelle Erregung bis zur orgastischen Entladung über regelmässiges, rasches Reiben von Klitoris oder Vulva. Zum Teil müssen sie ein sehr präzises Masturbationsritual ausführen, um die Erregung bis zur Entladung zu steigern.

Dadurch, dass das Bewusstsein sich auf die Sinnesempfindungen im engen Bereich der stimulierten Körperregion konzentriert, ist der Erregungsaufbau im MEM leichter störbar, sind sexuelle Lust und orgastische Entladung in ihrer Intensität begrenzt. Die körperliche Anspannung, die mit der Erregungssteigerung einher geht, wird als zum Teil unangenehm erlebt und findet erst mit der orgastischen Entladung eine Erleichterung. Menschen, die im MEM funktionieren, können Probleme während des Geschlechtsverkehrs haben. Die muskuläre Steifheit im Becken und Rücken führt zu typischen Rein-Raus-Bewegungen («bumsen») des Mannes, welche für die Partnerin oft nur wenig stimulierend sind. Durch die erhöhte Muskelanspannung in Gesäss und Beckenboden wird die sexuelle Erregung zusätzlich intensiviert und überschreitet rasch den point of no return. Schwierigkeiten bei der Kontrolle der Ejakulation sind daher nicht selten. Mit zunehmendem Alter entwickeln Männer manchmal eine koitale erektile Dysfunktion, da die Reizung innerhalb der Scheide nicht mehr genügt. Viele Frauen, die den MEM benützen, erleben den Geschlechtsverkehr als wenig erregend, da sie gewohnt sind, sich über äussere oberflächliche Rezeptoren zu stimulieren; während des Geschlechtsverkehrs benötigen sie daher meist zusätzliche Stimulation der Klitoris. Der MEM begünstigt das Wahrnehmen innerer Empfindungen im Zusammenhang mit der Vagina nicht.

 


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Archaisch-mechanischer Erregungsmodus (AMM)

Dieser Modus bezieht gleichzeitig oberflächliche wie tiefe Rezeptoren mit ein. Bei der Selbstbefriedigung wird die Stimulation durch Druck und Reibung erzeugt, etwa mit dem Duschstrahl oder Vibrator oder durch kräftiges Reiben der Genitalien an einer Unterlage oder einem Kissen u.s.w. Die Grenzen im genussvollen Erleben der Sexualität und die Probleme beim Geschlechtsverkehr sind ähnlich wie beim archaischen Modus.

 


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Ondulierender Erregungsmodus (OEM)

In diesem Modus bleibt die Person im Zustand sexueller Fluidität, das heisst ihre Bewegungen sind im ganzen Körper fliessend; die Muskeln sind nicht verspannt. Dadurch diffundiert die Erregung in den ganzen Körper, was zu sehr genussvollen Empfindungen und intensivem erotischen Erleben führt. Das Spiel mit Rhythmen und Bewegungen ist sehr abwechslungsreich, der Muskeltonus variiert, ist aber grundsätzlich eher tief. Daher kommt dieser Erregungsmodus meist bei Frauen vor. Für eine orgastische Entladung fehlt zum Teil der notwendige Spannungsaufbau, das heisst, die Fähigkeit, die sexuelle Erregung über muskuläre Spannungszunahme in den Genitalien zu kanalisieren.

 


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Wellenförmiger Erregungsmodus (WEM)

In diesem Modus werden die tiefen Rezeptoren über die «doppelte Schaukel» aktiviert. Bei dieser werden das Becken und die Schultern gleichzeitig, durch die Bauchatmung angetrieben, in der Körperachse bewegt (ähnlich wie beim Husten, Lachen oder Schluchzen). Man unterscheidet die untere Schaukel (Beckenbewegung) und die obere Schaukel (Bewegungen von Brust, Schultern und Kopf). Die untere Schaukel intensiviert die sexuelle Erregung, die obere die Gefühlsempfindungen.

Wie im OEM kommt es im WEM zu einem Spiel feiner bis heftiger Bewegungen, langsamer bis rascher Rhythmen und sich ändernder Muskelspannung. Anders als im OEM laufen diese Bewegungen in der Körperachse. Die alternierenden Bewegungen intensivieren die sexuelle Erregung über die Resonanz der sich steigernden Wellen bis hin zum Orgasmus. Dieser wird über die Verbindung von sexueller Erregung und intensiven lustvollen Gefühlen erreicht. Es kommt im Orgasmus zu einem doppelten Loslassen: Auf der genitalen Ebene wird die Erregung über die Beckenschaukel gesteigert und nach der Diffusion über den ganzen Körper wieder in den Genitalien kanalisiert, um eine Entladung zu ermöglichen. Das emotionale Loslassen über die obere Schaukel ermöglicht das Wahrnehmen der Lustgefühle, die diese Entladung begleiten.

Der WEM ermöglicht Frauen ein intensiveres Wahrnehmen von Empfindungen innerhalb der Scheide und das Bewusstsein einer inneren Höhle. Dieses «Erotisieren» der Scheide ist Voraussetzung zum Erlernen eines koital sexuellen Begehrens (siehe unten). Männer schaffen mit dem WEM die körperlichen Voraussetzungen dafür, sich phallisch-penetrierend zu erleben. Diese «phallische Erotisierung» wiederum ist für sie die Basis des koital sexuellen Begehrens.